Sunday, June 13, 2010

Liebesgeschichten im Internet #1

#1
Bea3909

Gestern war ich verliebt und konnte nicht genau sagen in wen. War es die widerborstige Irene oder die störrische Marlene? War es die sanfte Carmen oder die schöne Biene? Oder war es ein Phantasiegebilde, das zwei, drei Freundinnen in Berlin ausgedacht hatten und gemeinsam in die Bekanntschaftsmaschine stellten?

War es Bea3909, 172, 68 kg, lange braune Haare, gebildet, einsam?


Durch tausende Gesichter hatte ich geblättert, die mir wie Herbstlaub entgegen flatterten. Nicht nur Beziehungsmüll, sondern auch schöne Frauen mit leuchtenden Augen und hoher Farbintensität. Die Gesichter durch Störungsfilter geglättet, das ist einfacher als Kosmetik, sie waren unternehmungslustig und flirtbereit. Aber viele sind patzig, andere verhärtet und verhärmt, die meisten enttäuscht. Sehr enttäuscht, ihr Herz ist gebrochen, ihre Sehnsucht ist wie eine kleine Flamme am Gasherd, die nur noch gelegentlich aufflackert.

Nicht so Bea3909. Bea ist lebendig und quirlt mit schnellen Sprüchen die Sahne der Männlichkeit. Ihre Männer zeigen Emotionen, machen Geschenke und Komplimente und enthusiastische Kommentare zu den Bildern:
Ausgezeichnet,
einsame Klasse,
sehr sexy,
was für eine Frau!

Aber Bea3909 bleibt cool, sie sortiert und eliminiert, antwortet nur auf intelligente Zeilen von Insidern:


"Hallo Bea,
dein Bild erinnert mich an einen chaotischen Traum letzte Nacht. Ich war allein auf einer einsamen Insel und sah im Osten die rote Sonne aufgehen, sie hatte genau dein Gesicht, das bald so groß war wie der ganze Himmel. Du schwebtest über mir und senktest dich mir langsam entgegen, bis deine Lippen die meinen berührten. Du hast mich wach geküsst, Bea." Bea formulierte nur zwei Worte:

"Ach ehrlich?" antwortete sie und es war eine Wonne, ihre Buchstaben zu pflücken, die wie Sterntaler vom Himmel in die Mütze eines Bettlers fielen. Und der entflammte Sterngucker hämmerte weiter seine heißen Sprüche.

"Bea,
du machst mich an,
du machst mich heiß.
Ich weiß nicht, wie,
aber du bewegst mein Innerstes,
mein intimes Verlangen,
erregst meine Phantasie und projizierst
wilde Filmszenen in mein leeres Gehirn. 

Ich heiße Bodo und lebe am Chiemsee,
meine Tür steht dir offen."

Und Bea schrieb zurück:
"Mach zu, Bodo, es zieht!"

"Oh, ich verstehe, Bea, du bist in Gedanken schon bei mir, wir werden glücklich sein die ganze Nacht, bis der Morgen graut und die Sonne von Salzburg her in mein Fenster scheint, wo du mit mir aus Liebe und Traum erwachst. Dein Gesicht leuchtet mir wie die Morgensonne."

"Das sagtest du bereits.
Du langweilst mich, Alter,
das Gesicht auf meinem Profil gehört meiner Freundin,
verpiss dich!"

Sterngucker setzt Bea3909 auf die Feindesliste und surft weiter in den unendlichen Fluten der digitalisierten Libido.

Na ja, Sterngucker ist nur die geringste meiner Identitäten. Er ist leicht frustriert und linkisch, weiß halt nicht mit Weibern umzugehen. Dazu ist er durch ein Studium der Psychologie hoffnungslos verbildet und nicht mehr beziehungfähig. Das ist mein Mann für aussichtslose Fälle. Ein erotischer Versager, bestenfalls ein Testpilot. Für mich ist Bodo vom Chiemsee das Bauernopfer, das ich Frauen wie Bea3909 darbringe, die zu gut aussehen, deren Fotos zu raffiniert sind, die sich so platt als flirtwillige Single-Frau präsentieren.

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