Saturday, June 19, 2010
Warten auf ein Toooor (philosophischer Kommentar)
Den Deutschen läuft die Zeit davon...
So stand es am Freitag, den 18.06.2010 im Spiegel-Oline. Da wurde während des verloren gegangenen Fußballspiels gegen Serbien die kleine Leserschaft, die jetzt nicht am Fernseher saß, von einem ebenfalls nicht ganz fußballsicheren Redakteur mit kurzen Zwischenberichten auf dem Laufenden gehalten... Den Deutschen läuft die Zeit davon. Eine tiefe Erkenntnis, wirklich, es sah aus wie eine philosophische Einsicht, die da auf einmal zwischen den bunten Medienereignissen auftauchte.
Es war natürlich nicht so gemeint, denn es war nur auf das kurze Spiel von 90 Minuten gemünzt. Aber gleich mussten wir daran denken, dass wir noch vor einer Woche eine Regierungskrise hatten.
Die Regierung wurde durch die Fußballweltmeisterschaft erst einmal in die nächste Runde gerettet, aber den Deutschen läuft jetzt die Zeit davon. Vor dem Spiel, im Spiel und nach dem Spiel. Seit Jahren schon. Wenigstens seit 10 Jahren.
Denn wenn wir ehrlich sind, ist hier in den letzten 10 Jahren nichts geschehen. Außer vielleicht einer Fußballweltmeisterschaft, aber das war ja nur Spiel. Das können andere auch. Und dabei geht es mit leichtem Gefälle weiter in den Abgrund. Keine Panik auf der Titanic! Gegen gerudert wird nicht, das wäre uns zu anstrengend.
Fußball ist weit weniger anstrengend, besonders, wenn man nur zuschaut. Inzwischen schaut frau auch zu, wie man spielt. Wie Mann sich anrempelt, abdrängt und ins leere laufen lässt, den Ball ins Aus abfälscht und dann wieder über die Flanken stürmt bis zum nächsten Fehlpass.
Irgendwann fallen sich ein paar halbwegs erwachsene Männer in die Arme, nehmen sich um den Hals und jubeln. Der Sieg ist nahe... Aber den Deutschen läuft die Zeit davon. Auch während des Spiels.
Dabei läuft die Zeit hier bei uns gar nicht schneller als woanders, in China oder auf dem Balkan. Auch nicht schneller als früher, das scheint nur so. Sie läuft uns davon, weil wir sie nicht ergreifen. Wir hoppeln von einer Auszeit in die nächste:
Ostern, Maifeiertag, Vatertag, Pfingsten, Fronleichnam, Fußballweltmeisterschaft, endlich Ferien, Urlaub, dann Kirmes, Oktoberfest, Nationalfeiertag, Allerheiligen, Advent, Advent, Weihnachten, Neujahr, Olympische Winterspiele, Karneval, Karfreitag, Ostern, Ostermontag, Tag der Arbeit, Christi Himmelfahrt.
Dazwischen noch all die Fußballwochenenden, das Ehemaligentreffen, Geburtstage. Ab und zu Beerdigungen, Hochzeiten, Jungessellenabschied, Grillabende, Ausflugsziele.
Zwischendurch wird auch mal krank gefeiert. Das heißt, wir sind dann wirklich krank. Krank gefeiert und krank gegessen. Krank getrunken und krank geschrieben.
"Krank geschrieben? Wie meinst du das?"
"Ich meine nicht, dass ich mich hier krank schreibe, ich meine: Sich krank schreiben lassen, vom Arzt."
"Ach so! Und dann endlich mal in Kur geschickt."
"Genau, Abmagerungskur, zur Meditation, Erlebnis-Sport."
"Nervenkitzel."
"Rock-Konzerte."
Das tut gut, auch wenn das Programm 20 Jahre alt ist und älter. Paul McCartney in Dortmund, die Rolling Stones überall. U2, ACDC. Selbst Neil Diamond lässt sich wieder sehen und der alte Cliff Richard... natürlich Peter Maffay, die Toten Hosen, Fehlfarben.
"Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn und
starren, starren, starren in den Rück-spie-gel."
"Und was siehst du da?"
"Ich sehe nur, den Deutschen läuft die Zeit davon."
Es ist stinklangweilig hier, weil es so viel Unterhaltung gibt. Aber direkt reden miteinander, das tun wir nicht. Es gehört sich nicht bei uns in Dortmund. Schon gar nicht über Politik.
Wir machen auch keine Pläne, wir lassen uns planen. Lassen uns verplanen. Vergaukeln und verschaukeln. Am Bauch kitzeln und an den Nerven kitzeln, am Busen kitzeln. Ja auch mal da dran kitzeln. Und gerne dran kitzeln lassen.
Bis wir lachen.
Wir lachen gerne, denn wir haben eigentlich nichts zu lachen. Aber wir lachen so gerne. Über Witze, dumme Sprüche und natürlich Comedy. Comedy überall, zum Totlachen. Wahnsinnig komisch. Da gibt es Spezialisten, die das richtig gut können. Jeden Abend in einer anderen Stadt. Die verdienen sich dumm und dusselig.
"Dumm und dusselig?"
"Ja dumm und dusselig verdienen die sich."
"Waren die vorher nicht dumm und dusselig?"
"Mit Sicherheit nicht, die waren früher wach und helle und sehr intelligent. Sind sie vielleicht jetzt noch, die stellen sich nur so an."
Vielleicht haben wir uns alle in der vorigen Generation dumm und dusselig verdient in Deutschland. Nicht nur die Entertainer, die uns zum Lachen bringen. Hier war es ja so einfach Geld zu verdienen. Am einfachsten von allen Ländern Europas. Das waren goldene Zeiten. Die wollen Mann und Frau jetzt immer haben, festhalten und wiederbringen. Doch die Zeit ist unbarmherzig, sie läuft immer weiter. Den Deutschen läuft die Zeit davon.
"Halt! Stopp!"
"Was?"
"Anhalten!"
"Wer soll halten?"
"Die Zeit."
"Nein, du Idiot! Die Zeit kann nicht anhalten."
Aufwachen, aufspringen, hinterher rennen, aufs Trittbrett springen, wieder einsteigen und andere mitreißen, drauf springen, an den Griff packen, vorwärts taumeln auf Brettern und Planken. Am Geländer festhalten, unbequeme Stellungen ausprobieren, ins Ungewisse. An schrägen Stangen entlang durch einen engen Durchgang zwängen und weiter...
Aber wir müssen vorwärts. Plötzliche Einbrüche sind an der Tagesordnung, unvorhersehbare Hindernisse, Stolpersteine, Fußangeln, Fallen, eigene Fehler, Fehlentscheidungen, vergebliches Gewürge von unkontrollierbaren Kollegen und falschen Freundinnen. Verraten und verkauft.
"Reiß dich zusammen, Alter!"
"Okay, lass mich vorbei!"
Jetzt weiter rennen, geradeaus und in die Zukunft. Da wird es schon wieder unübersichtlich. Hellwach prallen wir gegen eine Glaswand. Es tut verdammt weh, aber es blutet nicht. Die Zukunft lockt, sie ist ganz, ganz nah vor uns.
"Die Zukunft? Ist sie schon da?"
"Ja, die Zukunft ist da."
"Wo ist sie?"
"Sie ist wie ein Loch."
"Ein Tor!"
"Ja!"
"Ein Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor!"
Labels:
China,
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Staatliche Feiertage,
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