Sunday, August 22, 2010
Worte, die keiner mehr nennt... (Satirischer Versuch)
Irgendwo in einer Zeitschrift fad ich neulich ein interessantes Spiel mit dem Zeitgeist, es wurden Wörter aufgelistet, die es nicht mehr gibt. Das stärkste Wort, an das ich mich noch erinnere, war:
Das Waldsterben.
Das Waldsterben war vor 15 - 20 Jahren der absolute Renner unter den Bedrohungen. Das Wort wurde sogar in die französische Sprache übernommen:
Le waldsterben.
Das klingt gut und den Franzosen schien es einleuchtend, dass die Deutschen kompetent waren für diesen Begriff, zusammengesetzt aus Wald und Sterben. Und dann diese harmlose europa-taugliche Bedeutung, es war so ein friedliches Sterben, sehr im Gegensatz zu Auschwitz, Sedan und Austerlitz...
Doch das Waldsterben ist ausgestorben. Nicht nur le waldsterben in Frankreich sondern auch das Original bei uns. Damals war es ganz groß und es wurde sogar von regierenden Politikern anerkannt und bekämpft.
Helikopter flogen über die Fichtenwälder und streuten eine geheimnisvolle Chemikalie auf die Nadeln, um das Waldsterben aufzuhalten. Es ist ihnen ohne Zweifel gelungen. Das Waldsterben ist gestorben. Der Wald nicht.
Doch kürzlich, als ich über den Aufstieg Chinas zur Weltmacht nachdachte, fiel mir plötzlich auf, dass ein anderes Wort von viel größerer Dimension aus dem Sprachschatz verschwunden ist ... und einst war es in aller Munde.
Wer auch nur an China dachte, positiv an China dachte, wie es heute die Ökonomen tun, der hatte diesen Traum, der in China teilweise verwirklicht schien.
Es waren erst die Linken und Ultra-Linken, die ein positives Bild von China im Kopf hatten. Heute, eine Generation später sind es die Konservativen und die Global-Ökonomen, also fast jeder, der etwas auf dem Konto hat. Im China-Rausch des vergangenen Jahrhunderts aber hatte die denkende Welt ein anderes globales Ding im Kopf:
D i e W e l t r e v o l u t i o n .
Die Weltrevolution ist völlig aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Sie hatte wohl niemals auch nur die gerinste Chance, und trotzdem war sie jahrelang in jeder Diskussion allen Befürwortern und Gegnern geläufig.
Die Weltrevolution war bestimmt keine deutsche Erfindung, nein, sie kam ganz offensichtlich aus Lateinamerika zu uns, wo auch die Modetänze, Samba, Mambo, Rumba und Cha-Cha-cha herkommen... Einer ihrer größten Propheten war Ernesto Che Guevara.
Che Guevara ist uns geblieben, er ist eine Ikone geworden, ein Markenzeichen wie Nike, Adidas und Windows, aber seine Idee von der Weltrevolution wurde aus dem Bewusstsein eliminiert.
Es gibt leider nur einen schäbigen Ersatz und der schmekt so schal wie Ersatzkaffee:
Die Globalisierung.
(Ersatzkaffee, ist übrigens auch ein längst verschwundenes Wort, aber jeder versteht es sofort.) Die Globalisierung war ein neues Wort-Gespenst, das die Gegner der Weltrevolution kreiert haben, um die Welt weiterhin mit verstärkten Kräften kapitalistisch auszubeuten. Und es ist ihnen ohne Zweifel gelungen! Die Globalisierung gelang und die Privatisierung des Öffentlichen Lebens gelang ebenso.
Beide Worthülsen meinen das Gleiche und sie hatten gleichzeitigenen Erfolg: Alles, was irgendwie nennenswerte finanzielle Substanz hat, also ein paar Milliarden wert ist, alles gehört in die Hände der Amerikanischen Kapitalisten!
Die Kapitalisten nennen sich jetzt Investoren oder noch freundlicher Share-Holder. Viele von ihnen sind Investment-Banker. Sie wollen offensichtlich nicht mehr dreist ihr Kapital vermehren, nein, sie wollen bescheiden ihr Share-Holder-Value, das ihnen ja zusteht, das kein normaler Mensch ihnen absprechen kann, es sei denn, er wäre ein verdammter Neidhammel oder Kommunist. Share-Holder-Value ist ein süffiges Verlangen wie das Verlangen nach einer Geburtstags-Garten-Party oder nach Milch-und-Frucht-Joghurt.
Mit Worten lässt sich trefflich streiten, sagte Johann Wolfgang von Goethe. Da hatte er recht, der alte Fürstenknecht!
Dass solche Worte wie Frucht-Joghurt-Zwerge oder das Share-Holder-Value schnell wieder verschwinden, wenn sie ausgedient haben, ist kein Wunder, sie haben das Verfallsdatum schon in sich. Aber die Weltrevolution? Um die ist es im Sinne unserer Sprachkultur wirklich schade.
Wer weiß, vielleicht hat sie sich nur heimlich ins Arabische versteckt oder in eine afrikanische Sprache oder sie findet gerade irgendwo statt, nur keiner redet mehr davon, damit sie nicht wieder zerredet wird. Die Weltrevolution, die www.weltrevolution.com,
die wonnig-warme-weiche Weltrevolution.
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