Der Unterschied zwischen Tauschbörse und Freundschafts-Deal mit einer CD ist nicht von qualitativer, sondern quantitativer Art: Es sind auf einmal Millionen Freunde und es sind fast alle verfügbaren Platten, mehr Auswahl als im größten CD-Laden!
Hier entsteht das, was ein weiser Philosoph vor 150 Jahren den Übergang der Quantität in die Qualität genannt hat. Irgendwann gilt das Gesetz der großen Zahl. Während bisher die Reproduzierbarkeit der Musik einen Fortschritt für Künstler, Produzenten und Publikum bedeutet hatte, ist es auf einmal anders; es fließt kein Geld mehr und auch ohne moralische Diskussion lässt sich nach zehn oder fünfzehn Jahren ein Niedergang der Popmusik beobachten:
Alle hören Musik, aber es lohnt sich nicht mehr, professionell, Musik nach dem Stand der Kunst zu machen. Auch die Hoffnung, dass sich im Internet auf Basis von Austausch und nicht kommerzieller Produktionsweise eine neue Musik-Kultur entwickeln würde, hat sich nicht erfüllt.
Es gibt zwar immer noch neue Popmusik, mit der gut verdient wird, aber das ist seichte Unterhaltung für den Geschmack der verdummten Masse, für Leute, die nicht mit einem Computer umgehen können oder das nicht wollen, denen das Internet ein Rätsel ist wie das gelbe Reich in China.
Innovation in der Kunst richtet sich immer an ein innovativ eingestelltes Publikum und populäre Musik ist keine Kunst für Millionäre wie Pop-Art, sondern für junges, pfiffiges Publikum. Das sind aber genau die Leute, die auch mit der digitalen Technik spielen und ihren Bedarf an Musik-Konserven im Internet umsonst bedienen.
Daher ist seit Jahren fast jegliche Innovation aus der Musik-Szene verschwunden. Die speziellen Plattenläden haben dicht gemacht. Die Labels sind gestorben, die Musiker machen was anderes. Ein intelligenter junger Mensch, der sich begabt und kreativ vorkommt, wird nicht mehr zur Gitarre greifen oder sich ein Schlagzeug anschaffen, er sitzt wie alle am PC und sucht auf der ganzen Welt herum, was Besseres zu finden.
Musik, die etwas Neues zum Ausdruck bringt, als Kunst, ist tot.
Das Urheberrecht hat toleriert, dass Freunde mithören und später, dass sie auch gelegentlich eine Kopie bekommen oder sich aus geliehenen Schallplatten eine MC zusammenstellen. Wenn aber jeder, der sich mit Computern und dem Internet auskennt, von völlig unbekannten Leuten Musik überspielen kann und sich auf einer Tauschbörse jeden gesuchten Track holt, dann existiert in diesem Bereich kein Urheberrecht mehr. Das ist einfach eine Tatsache, die nicht hinwegzudiskutieren ist.
Denn Urheberrecht bedeutet, dass Urheber und Produzenten der Musik vom Konsumenten einen angemessenen Obulus bekommen für ihre Arbeit und ihr finanzielles Engagement. Dieser Inhalt des Urheberrechtes ist eine kulturelle Errungenschaft, unabhängig von der Formulierung der Gesetze.
Die große Musikindustrie war so satt und zufrieden, dass sie viele Jahre lang Tauschbörsen toleriert hat, in dem Glauben, es sei das, was es vorgab zu sein: Eine Gefälligkeit unter Freunden, die dem großen Geschäft nicht schadet. Doch die Zahl der Freunde geht jetzt in die hundert Millionen; allein in Deutschland sind es so viele, dass sie mit Erfolg eine Partei gründen konnten: Die Piraten.
Der Name Piraten mag ironisch sein, doch sie fordern nach wie vor die Legalisierung der Tauschbörsen und damit einen eigenen Bereich, in dem das Urheberrecht aufgehoben ist. Und zwar für alle, die des Downloads mächtig sind. Auch das ist ironisch gemeint, denn es wird immer einfacher und selbstverständlicher, daran arbeiten ganze Konzerne und sie verdienen immense Summen.
Ohne die Weltumspannende Datei der populären Musik wären MP3-Player kein Milliarden-Geschäft! Und der Anteil an bezahlten Tracks auf diesen Geräten wird im Schnitt kaum die 1%-Grenze erreichen, sie ist also praktisch gleich Null. Hier wurde am Repertoire der Pop-Musik noch einmal, zum dritten mal, großes Geld verdient, aber nicht von den Machern, sondern von Elektronik- Konzernen, die kleine, handliche Digital-Speicher vermarkten.
Wenn den Piraten vorgeworfen wird, sie wollten das Urheberrecht abschaffen, bringen sie seitenlange Argumentationen und Blogbeiträge. Damit lenken sie die Diskussion vom Kern ihrer Forderung ab, nämlich der Legalisierung der Tauschbörsen, wodurch das Urheberrecht praktisch ausgeschaltet wird. Es wird in diesen Rechtfertigungen zum Beispiel behauptet, die Piraterie richte sich gegen die Verwerter von Musik, nicht gegen die Musik-Schaffenden.
Diese Argumentation ist unlogisch, weil die Piraterie auf die Verteilung des Geldes in der Musik-Szene gar keinen Einfluss hat. Wenn ich Gebühren oder Steuern entziehe, beeinflusse ich nicht die Verwendung des Geldes.
Ein zweites Argument ist, dass diejenigen, die am meisten herunterladen, auch die besten Kunden auf legalen Wegen seien. Die Tauschbörsen seien die beste Promotion für Musik und Film. Insbesondere seien die Piraten eine Geschmacks-Avantgarde und würden das breite Publikum mitziehen, das dann auch gerne und viel an der Kasse bezahlt, was die Piraten sich schon umsonst genommen haben.
Hier wird Statistik falsch interpretiert und hingebogen. Selbst wenn sie die besten Kunden sind wie Alkoholiker, die ihr ganzes Geld für Schnaps ausgeben, berechtigt das nicht, danach in ein Kiosk einzubrechen.
Auch der Werbe-Effekt ist nicht eingetreten, sonst wären nicht die CD- und Schallplatten-Läden verschwunden, insbesondere die Spezial-Läden, die sich an eine Geschmacks-Avantgarde richten, welche die Piraten vielleicht wirklich auch sind. Aber das hilft niemandem, wenn sie nicht bezahlen, dann ist es kontraproduktiv.
Denn die progressiven Künstler und Labels sind, wenn sie nicht längst aufgegeben haben, am stärksten betroffen. So hat die Avantgarde der Informatiker mit ihren Tauschbörsen denen am meisten geschadet, die ihnen das liefern könnten, was zu ihnen passt: Innovative Musik.
Wer Musik kopiert und weiter gibt,
schadet den Künstlern, die er liebt.
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