Thursday, January 5, 2012

Die Geldkrise / Essay in 4 Teilen

Teil 1
Was, wo und wieviel?

Seit der Jahrtausendwende (plusminus 10 Jahre) häufen sich Finanzkrisen. Erst der Zusammenbruch der New Economy, dann Asien- und Hypothekenkrise, zuletzt die sogenannte Euro-Krise. Es sind Symptome eines Zerfalls, der vom Geld- und Bankensystem ausgeht. Oft wird behauptet, dass niemand dieses System voll durchblickt. Das ist möglich, sogar wahrscheinlich, aber gerade, weil es ein riesiges, kompliziertes System ist, sollte nicht jeder versuchen, es ganz zu studieren, denn wir müssen schon vorher unsere Entscheidungen treffen.

 
So oder ähnlich verhält sich auch die Finanzindustrie, die einfach das, was sie weiß und die Mittel, die sie hat, ausnutzt, ihre Interessen zu vertreten und das sind satte Boni, Provisionen und erfolgreiche Spekulationen, häufig in Form von Insider-Geschäften. Jeder andere aber steckt ebenfalls in diesem System und überblickt einen gewissen Bereich, in dem er agieren kann und agieren muss. 


Aber die finanziellen Interessen für wenigstens 90% aller Menschen sind den Interessen der Finanzindustrie entgegengesetzt. Je tiefer unser Verständnis von der Funktionsweise des Finanzsystems aber ist, desto besser und sicherer werden unsere Entscheidungen sein.

Der erste Grundsatz zum Verständnis des Geld-Systems:
Es gibt viel zu viel Geld auf der Welt.

Dies erscheint all denjenigen absurd, die zu wenig Geld haben und das sind die meisten. Doch der Schein trügt. Etwa 90% bis 99,9% aller Menschen haben zu wenig Geld, das ist je nach Land oder "Kultur" verschieden, der Rest hat immens viel Geld, so dass es nicht nur für die wenigen, die es haben, sondern auch insgesamt zu viel wird. Daraus entstand das Problem der Reichen:

 
Wohin mit dem ganzen Geld?

 
Leider ist es nicht so, dass nur ein paar Prozente zu viel da sind oder doppelt soviel wie nötig. Nein, es ist wenigstens zehn mal soviel Geld vorhanden, wie nötig wäre, um alle Funktionen des Geldes zu erfüllen, außer der einen, Geld mit Geld zu verdienen

 
Dass Geld am einfachsten mit Geld zu verdienen ist, deutet bereits auf einen Fehler im System.

Die zweite Einsicht, die wir haben sollten ist folgende:
Geld ist ein vom Menschen künstlich geschaffener Wert.

Der Wert des Geldes beruht auf einer Vereinbarung, dass eine bestimmte Zahl auf einer Münze oder einem Schein, einem Konto einer Kredit- oder Geldkarte, einen festen materiellen Wert haben soll, der überall in der realen Wirtschaft gegen Waren einzulösen ist. Jetzt und in Zukunft. Ein Euro für einen Liter Wein. Tausend Dollar für einen Flug nach Afrika und zurück. 


Geld ist keine höhere Macht. Es kommt weder von Gott noch vom Teufel. Es ist weder der Grund des irdischen Glücks noch der Grund für alles Böse. Es ist eine Konvention, die nicht einmal unumstößlich ist.

Die Geld-Krise 2 / Geldreligion: In God we trust

Teil 2
In God we trust

Auf den amerikanischen Münzen steht der Spruch: "In God we trust." Damit war nicht gemeint, dass Geld gleich Gott ist, aber in USA wurde es so verstanden und da Amerika sehr offen für Religionen ist, entstand dort eine Geldreligion, für die es keinen Namen gibt.

Die Anhänger der Geldreligion wollen sie nicht benennen. Sie behaupten, Kapitalismus und Monetarismus seien keine Religionen und damit seien das auch nicht die richtigen Namen für ihre Geldreligion. Auch der Satz "Geld ist Gott" wird nicht direkt ausgesprochen, wahrscheinlich, um andere Religionen nicht (als Zweitreligionen) zu beleidigen.
Da jeder das Recht hat, seine eigenen Religion selbst zu benennen, müssen wir die Definitions-Verweigerung akzeptieren und nennen die Geldreligion nicht Kapitalismus, nicht Monetarismus, sondern einfach 

Geldreligion.

Die Geldreligion verkündet:
1. Geld sei der höchste Wert auf dieser Welt.
2. Für Geld könnte ich alles haben.
3. Um Geld zu bekommen, müsste ich alles tun.
4. Je mehr Geld ich besäße, desto besser.

Daraus resultiert aus europäischer Distanz: Geld ist für Anhänger der Geldreligion so etwas ähnliches wie die Gnade Gottes für gläubige Juden, Christen und Moslems.

Unsere dritte Erkenntnis über das Geld ist daher die Folgende:
Alle Glaubenssätze der Geldreligion sind falsch.

Wer sie anerkennt, benutzt die aggressive Ideologie des Geldes. Wer danach lebt, glaubt an die Religion, die besagt: Geld ist gleich Gott.Dieser Gedanke ist allerdings tückisch, weil er schwer zu widerlegen ist, denn Geld ist in alles andere umtauschbar, auch in die Dienstleistungen konventioneller Religionen.

Die Vereinbarung, aus der das Geld entstanden ist, lautete aber nicht Geld ist der höchste Wert auf Erden, sondern: Geld ist eine Zahl auf einer Münze oder einem Schein, einem Konto, einer Kredit- oder Geldkarte, die einem bestimmten materiellen Wert entspricht und gegen andere materielle Dinge, Waren, Arbeit und Dienstleistungen überall eingetauscht werden kann. Jetzt und in Zukunft. Aber nicht in alle Ewigkeit und nicht um jeden moralischen Preis!

Aus der Aufzählung der vielen Formen des Geldes, die nicht einmal vollständig sein mag, geht schon hervor, dass beim Umgang mit Geld eine starke Expansion stattgefunden hat. Erst Münzen, dann Scheine, dann Konten, die nur noch Buchungen sind, dann Kreditkarten und Geldkarten, welche elektronischen Buchungen entsprechen. 

Das Geld scheint eine Dynamik entwickelt zu haben. Doch das ist die falsche Sicht. Die Dynamik geht von Menschen aus, die arbeiten, handeln und Geldgeschäfte machen.

Die Geld-Krise 3 / Geldvermehrung und Vernichtung

Teil 3
Geldvermehrung und Vernichtung

Geld hat immer eine materielle Funktion gehabt, die auf einer Konvention beruht. Irgendwann wurde bei einigen Geschäften eine weitere Vereinbarung getroffen: 

Die Erhebung von Zinsen auf geliehenes Geld. 

Heute leihe ich dir 100 Lire, in einem Jahr zahlst du sie zurück. Aber ich will dann nicht 100, sondern 103 Lire von dir haben, zur Belohnung, weil ich dir Geld geliehen habe. Außerdem trage ich ein gewisses Risiko, einer von zwanzig Kreditnehmern zahlt nicht zurück. Das entspricht 5% Kreditausfall. Dieses Risiko sollst du mir vergüten, also musst du mir nach einem Jahr 108 Lire zurückzahlen.

Aus diesem Vorgang der Kreditvergabe ist das Bankenwesen entstanden, zuerst in Italien, daher haben wir die Währung Lira (Plural Lire), genannt, was einmal ein Pfund Silber bedeutet hat. Das Bankenwesen hat nach diesem ersten Erfolg gleich ein abstraktes Postulat aufgestellt:

Geld sollte sich vermehren.

Dies ist weder ein Gesetzt des Geldes, denn es geht aus der Konvention über Geld nicht hervor, es ist auch kein Satz der Geldreligion; denn die Forderung gab es schon vor der religiösen Phase. Innerhalb der Bankwirtschaft ist die Regel, dass Geld sich vermehren soll, eine Arbeitsanweisung. Nach außen hin ist es ein Postulat, das nicht jeder anerkennen muss, im Gegenteil:
Das Postulat, dass Geld Zinsen bringt und sich immer weiter vermehren soll, steht nicht nur im Widerspruch zu Bibel und Koran, sondern auch zu unserer Erkenntnis, dass jeder Gebrauchsgegenstand mit der Zeit an Wert verliert und  dass es bereits viel zu viel Geld auf dieser Welt gibt.

Das Bankenwesen hat trotzdem ein paar Jahrhunderte nach diesem Prinzip gearbeitet und damit sogar Geld erzeugen können (durch gironale Geldschöpfung). Zuletzt hat sich das Bankenwesen zur Finanzindustrie entwickelt, die mit Maschinen, sprich Computern, Geld so schnell verschiebt, dass es täglich um den Globus schwappt. Dabei ist die Geldmenge so stark angeschwollen, dass ab und zu Geldvernichtung in hohem Maße erforderlich wurde. Sonst würde das Geld an Wert verlieren. Und wer betreibt die Geldvernichtung?
Das Geldsystem selbst.

Die Geldvernichtung wird von den gleichen Leuten und Institutionen betrieben wie die Geldvermehrung, es ist eine Art der Entsorgung, die wie auf allen anderen Gebieten, wo entsorgt wird, zu den fiesen Seiten des Lebens gehört und wie das Beseitigen von Exkrementen im Geheimen (hinter verschlossenen Türen) geschieht. 

Dieser Vorgang ist im Finanzsystem aber nicht geregelt, er geschieht in einer Katharsis, ungewollt, kolikartig und ist mit Schmerzen und Krämpfen verbunden. Daher die große Angst vor diesem finalen Geld-Fäkalien-Geschäft.

Die Geld-Krise 4 / Geld und Ab-Geld

Teil 4
Geld und Ab-Geld, eine neue Perspektive

Die aktuelle Eurokrise ist genau genommen gar keine Geldkrise, sondern eine Drohung: Wenn ihr nicht mehr Euros erzeugt und/oder höhere Zinsen zahlt, dann kommt die Krise, eine Katharsis speziell im Euroland und da werdet ihr euch noch wundern, was euch blüht ! 

Was dabei verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass die Krise ja immer zuerst die Finanzindustrie selber trifft und ihre besten Kunden. Es gibt also für Leute, die keine überschüssigen Millionen besitzen, keinen Grund zur Aufregung.

Wer die unkontrollierte Geldvernichtung in Krisenform nicht will, es weiß ja keiner, wen sie als nächstes trifft, der muss das Postulat der Banken ablehnen:
Geld muss sich automatisch vermehren.
Nein, im Gegenteil. 

Es ist bereits zu viel Geld vorhanden. Die Finanzindustrie soll gefälligst damit aufhören, das Geld  immer weiter zu vermehren und gegen Provisionen hin und her zu schieben und schließlich in die Hände von wenigen Großkunden zu schaufeln. Sie sollte sich wie früher Banken und Sparkassen darum bemühen, Geld und Kredit breit gefächert unter die Leute zu bringen. 

Think small! Geld ist nur dann gut für die Wirtschaft, wenn es gut verteilt ist.

Anstatt das Geld, das zu viel ist, dann und wann in riesigen Mengen zu vernichten, könnte es kontrolliert entsorgt werden: Jeder bekommt eine gewisse Menge Ab-Geld umsonst (bedingungsloses Grundeinkommen), das er nicht sparen soll, sondern schnell ausgeben muss, damit die Wirtschaft läuft. 

Damit das Ab-Geld fließt, bekommt es einen negativen Zins. Wenn einer es nicht ausgibt, wird es von selbst weniger. Es soll aber nicht weniger wert sein wie bei einer Inflation (da wird die Geldmenge ja vermehrt), sondern es wird zahlenmäßig weniger

Auf einer Geldkarte. Wo heute 100 drauf sind, wird nach einer Woche nur noch 99 drauf sein, wenn du es nicht ausgegeben hast. Das ist ein negativer Zins von 1% pro Woche. Also weg damit, in die freie Wirtschaft! 
(Die Idee ist 100 Jahre alt und stammt von Silvio Gesell. Erst heute ist sie mit Geldkarten leicht und überall zu verwirklichen.)

Das wäre eine Konvention, welche die unkontrollierte Geldvernichtung im Finanzsystem ersetzen könnte. Zum Wohle aller. 

Der Staat, der das zuerst einführt, wird glücklicher sein als andere Staaten, die sich dem jetzigen Finanzsystem ganz untergeordnet haben durch riesige Schulden und durch Akzeptanz aller Forderungen, Spielregeln und Drohgebärden: Wir nehmen euch den Euro weg, wenn ihr ihn uns nicht freiwillig gebt!